DER KARTENLEGERZurück zum Blog

Aus dem Kartenkabinett · III

Zwischen Nebel
und Gold

Warum England mich nicht nur inspiriert, sondern immer wieder ein kleines Stück nach Hause ruft.

16 Minuten LesezeitVon Dave

Wo der Morgen noch schweigt und das Licht bereits Geschichten erzählt.

England beginnt für mich nicht erst am Flughafen und auch nicht an einem berühmten Bauwerk. Es beginnt mit einem Gefühl. Mit diesem besonderen Licht, das an einem einzigen Tag dreimal seine Meinung ändern kann. Mit altem Stein, nassem Asphalt, einer goldenen Lampe im Nebel und Menschen, die selbst dann höflich Schlange stehen, wenn offenbar niemand mehr weiß, wofür.

Es ist ein Land der Gegensätze. Würdevoll und eigensinnig, traditionsbewusst und wunderbar schräg. London kann in einem Augenblick groß und königlich wirken, im nächsten laut, bunt und herrlich unvernünftig. Genau diese Spannung fasziniert mich: Hier darf Geheimnis neben Alltag stehen. Ein Rabe sitzt auf einer jahrhundertealten Mauer, während irgendwo zwei Straßen weiter ein Mensch mit einem silbernen Zylinder und einer Einkaufstüte voller Gummienten in die U-Bahn steigt. Niemand schaut zweimal hin.

Vielleicht fühle ich mich deshalb so verbunden. England versucht nicht, jede Tür zu öffnen und jedes Geheimnis zu erklären. Manches darf hinter einer Mauer bleiben. Manches zeigt sich erst, wenn man langsam geht.

Daves persönliche Aufnahme der Tower Bridge über der Themse
01 Meine Aufnahme der Tower Bridge: Stein, Wasser, Bewegung und ein Himmel, der sich nie ganz festlegt.

Ein Land
zwischen den Zeiten

In London stehen Vergangenheit und Gegenwart nicht ordentlich in zwei verschiedenen Regalen. Sie laufen einander über den Weg. Eine gläserne Fassade spiegelt plötzlich eine Zinne. Ein roter Bus zieht an einer Mauer vorbei, die schon Geschichten trug, lange bevor jemand an Motoren dachte. Unter den Straßen rauscht die Tube, über ihnen bewachen steinerne Figuren Dächer, Tore und Fassaden.

Ich mag dieses Nebeneinander, weil es nichts Glattes hat. Die Stadt ist kein sorgfältig aufgeräumtes Museum. Sie lebt, stolpert, baut um, bleibt stehen, macht weiter. Wer genau hinsieht, entdeckt überall Übergänge: Brücken, Tore, Treppen, Tunnel, Flussufer. Orte zwischen hier und dort. In der Symbolsprache der Karten sind gerade solche Schwellen bedeutsam. An ihnen endet etwas Vertrautes, während das Neue noch keinen Namen hat.

„England ist für mich kein Postkartenmotiv. Es ist eine Stimmung, die nach Regen riecht und im richtigen Augenblick golden leuchtet.“

Der Tower
und das Flüstern alter Steine

Am Tower of London verändert sich der Klang der Stadt. Die Mauern wirken nicht wie eine Kulisse. Sie haben Gewicht. Wer an ihnen entlanggeht, muss keine Geister sehen, um zu spüren, dass an diesem Ort viele Leben, Hoffnungen, Ängste und Machtkämpfe ihre Spuren hinterlassen haben.

Die berühmten Raben gehören zu den Gestalten, die den Tower bis heute geheimnisvoll machen. Eine alte Legende erzählt, dass das Königreich fallen werde, sollten die Raben den Tower verlassen. Ob man an solche Geschichten glaubt, ist gar nicht das Entscheidende. Mich berührt, dass Menschen einem Tier, einem Ort und einer Erzählung über Jahrhunderte Bedeutung geben. So entsteht ein lebendiges Symbol. Es ist mehr als Dekoration, weil Generationen ihre Vorstellung darin bewahrt haben.

Tarot funktioniert für mich auf ähnliche Weise. Eine Karte ist zunächst Papier, Farbe und Bild. Doch sie öffnet eine Tür zu Erfahrungen, die Menschen seit langer Zeit teilen: Verlust und Neubeginn, Mut und Zweifel, Bindung und Freiheit. Die Mauer spricht nicht wirklich. Und doch kann sie etwas in uns zum Sprechen bringen.

Daves persönliche Tagesaufnahme der Tower-Mauern mit Tower Bridge im Hintergrund
02 Mein Blick am Tag: alte Mauern, wilder Bewuchs und die Tower Bridge am Horizont.
Mystisch veredelte Aufnahme der alten Tower-Mauern im Abendnebel mit zwei Raben
03 Derselbe Ort als Erinnerung an die blaue Stunde: Laternenlicht, Nebel und zwei stille Wächter.

Tower Bridge
zwischen Technik und Theater

Die Tower Bridge ist groß, präzise und beinahe ein wenig theatralisch. Sie ist ein Bauwerk, das nicht schüchtern sein möchte. Türme, Spitzen, Stahl und Farbe bilden eine Bühne über der Themse. Gleichzeitig erfüllt sie eine ganz praktische Aufgabe: Sie verbindet Ufer und öffnet sich für den Flussverkehr. Schönheit und Funktion reichen einander hier die Hand.

Das ist ein Gedanke, den ich gern mitnehme. Auch Spiritualität darf schön, atmosphärisch und geheimnisvoll sein. Aber sie braucht ein tragfähiges Fundament. Eine Legung darf berühren, doch sie soll ebenso Orientierung geben. Was nützt der prachtvollste Bogen, wenn die Brücke nicht trägt?

Tower Bridge in geheimnisvoller blauer Abendstimmung mit goldenem Licht
04 Die Brücke in meiner inneren Londonfarbe: tiefes Blau, feiner Dunst und warmes Gold auf dem Wasser.

Camden
wo der Narr lachen darf

Dann kommt Camden und wirft jede übertriebene Ehrfurcht fröhlich in den Kanal. Hier wird es bunter, lauter und unberechenbarer. Am Wasser sitzen Menschen dicht beieinander, Musik zieht aus offenen Türen, Schilder widersprechen einander und irgendwo wird ganz sicher etwas verkauft, von dem man bis eben nicht wusste, dass es überhaupt existiert.

Camden erinnert mich an den Narren im Tarot. Nicht, weil dort alle närrisch wären, sondern weil dieser Ort Bewegung erlaubt. Anderssein muss sich nicht erklären. Ein Stil darf zu laut sein, ein Laden zu klein, ein Hut zu groß. Zwischen Backstein, Schleusen und Märkten entsteht ein Durcheinander, das auf wundersame Weise einen eigenen Rhythmus findet.

Und dann sind da die britischen Regeln im Chaos. Man kann zwischen Punkjacken, dampfenden Garküchen und einem Straßenmusiker stehen, der gerade die Welt neu erfindet. Sobald sich vor einem Tresen eine Warteschlange bildet, wissen trotzdem alle instinktiv, wer als Nächstes dran ist. Das ist keine Ordnung. Das ist britische Magie.

Camden Lock am Wasser mit Backsteingebäuden und lebendigem Treiben
05 Camden Lock: Wasser, Backstein und dieses herrlich lebendige Durcheinander, das sich nicht entschuldigt.
Skurriles Londoner Kunstmotiv: Königin Elisabeth II. trifft auf die Band Queen

Very British

Zweimal Queen
und kein bisschen gewöhnlich

Dieses Bild bringt für mich britischen Humor auf den Punkt: Königin Elisabeth II. im Leopardenmantel, Zigarette in der Hand, darunter Freddie Mercury und Queen. Würde trifft Rockgeschichte, Krone trifft Krönchen, und alles schaut dabei so selbstverständlich aus, als müsse es genau so sein.

London nimmt Geschichte ernst, sich selbst aber nicht immer. Darin liegt viel Charme. Das Schräge zerstört die Tradition nicht. Es hält sie lebendig. Ein wenig Respektlosigkeit kann manchmal liebevoller sein als steife Verehrung.

Ein Cider
gegen zu viel Erhabenheit

Nach alten Mauern, großen Brücken und historischen Gedanken braucht selbst die Mystik eine Pause. In meinem Fall stand sie kalt auf dem Tisch und war auffallend rot. Ein Cider, ein nasser Holztisch und die erfreuliche Erkenntnis, dass nicht jede spirituelle Reise bei Weihrauch und Vollmond enden muss.

Vielleicht ist das sogar eine der besten Lektionen Englands: Tiefgang und Leichtigkeit sind keine Gegensätze. Man darf über alte Legenden nachdenken und fünf Minuten später darüber lachen, dass „leichter Nieselregen“ offenbar eine Wetterlage ist, die waagerecht ins Gesicht fällt. Man darf berührt sein und trotzdem Appetit haben. Das Leben wird nicht weniger bedeutungsvoll, wenn man darüber lachen kann.

Ein roter Beeren-Cider als humorvolle Pause auf Daves Englandreise
06 Ein kleiner roter Gegenzauber nach zu viel Geschichte: kühl, fruchtig und ausgesprochen unfeierlich.

Mein England

Vier Kräfte,
die mich immer wieder rufen

Der Nebel

Er verbirgt nicht nur. Er macht den Blick langsamer. Konturen werden weicher und das Auge sucht genauer nach dem, was wirklich da ist. So fühlt sich auch Intuition an.

Das Gold

Eine Laterne im Regen, Sonne auf altem Stein, Licht in einem Pubfenster. Das Gold ist nie laut. Gerade deshalb wirkt es wie ein Versprechen von Wärme.

Der Stein

Mauern, Brücken und schmale Wege erinnern mich daran, dass jeder Mensch auf Geschichten baut, die schon vor ihm begonnen haben. Herkunft kann Halt sein, ohne zum Gefängnis zu werden.

Der Humor

Trocken, schräg und manchmal erst drei Sekunden später zu verstehen. Er nimmt dem Geheimnis nicht seine Tiefe, sondern dem Menschen die Angst davor, alles zu wichtig zu nehmen.

Hinter London
wird die Stille weiter

So sehr mich London fesselt, die englische Seele endet nicht an der Ringstraße. Hinter der Stadt liegen Heckenwege, alte Steinmauern, Moore, Küsten und Bäume, die aussehen, als hätten sie mehr Winter erlebt, als wir zählen können. In dieser Landschaft wird das Geheimnis leiser. Es braucht dort keine Krone und keinen Turm. Ein Weg, der im Nebel verschwindet, genügt.

Diese Landschaften lassen Raum. Sie erzählen nicht sofort, was man fühlen soll. Vielleicht sind sie deshalb so wohltuend. Im Alltag verlangen viele Dinge eine schnelle Reaktion. Ein weiter Himmel verlangt gar nichts. Er erlaubt, dass Gedanken sich setzen und eine Frage eine Weile unbeantwortet bleiben darf.

Geheimnisvolle englische Landschaft im goldenen Morgennebel mit altem Steinweg und Baum
07 Jenseits der Stadt: ein alter Weg, silberner Nebel und jener kurze Augenblick, in dem der Morgen zu Gold wird.

Was England
mit meinen Karten zu tun hat

Ich ordne auf Reisen nicht jedem Gebäude zwanghaft eine Tarotkarte zu. Und doch begegnen mir Bilder, die etwas in mir anklingen lassen. Der Tower erinnert an Macht, Vergänglichkeit und die Frage, was geschieht, wenn alte Sicherheiten ins Wanken geraten. Camden trägt für mich die Freiheit des Narren. Die Themse ist Bewegung: Sie nimmt Licht, Regen und Spiegelungen auf und fließt weiter, ohne eines davon festzuhalten.

Die Brücke ist vielleicht mein stärkstes Bild. Sie verspricht nicht, dass beide Ufer gleich sind. Sie schafft einen Weg zwischen ihnen. Genau das möchte ich mit einer Legung tun. Ich nehme niemandem die Entscheidung ab und erfinde keine einfache Gewissheit. Ich helfe dabei, zwischen Gefühl und Verstand, Vergangenheit und Möglichkeit, Angst und Hoffnung eine Verbindung zu finden.

Auch die Farben meiner Arbeit tragen dieses England in sich: dunkles Blau, Schwarz, tiefes Violett und das warme Gold eines Lichts, das nicht alles ausleuchtet. Es lässt Schatten bestehen. Denn ein Bild wird nicht schön, wenn jeder Schatten verschwindet. Es wird schön, wenn Licht und Dunkel einander Bedeutung geben.

Drei Fragen auf dem Weg

Wenn du an deinen eigenen Sehnsuchtsort denkst …

  1. 01

    Welcher Ort lässt dich ruhiger werden, noch bevor du erklären kannst, warum?

  2. 02

    Welche alte Geschichte begleitet dich, obwohl sie vielleicht nie ganz deine eigene war?

  3. 03

    Wo in deinem Leben brauchst du gerade eine Brücke statt einer endgültigen Antwort?

Mystisch,
aber niemals weltfremd

Das Geheimnisvolle bedeutet für mich nicht, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Im Gegenteil. Es bedeutet, anzuerkennen, dass ein Mensch, ein Ort und eine Situation mehr sein können als das, was auf den ersten Blick sichtbar ist. Staunen darf neben Vernunft stehen. Intuition darf Fragen stellen. Humor darf den Raum öffnen, wenn alles zu schwer wird.

England zeigt mir diese Verbindung immer wieder. Ein Land kann voller Mythen sein und gleichzeitig sehr praktisch. Eine jahrhundertealte Tradition kann weiterleben und dabei einen neuen, manchmal skurrilen Ausdruck finden. Und ein Regentag kann einen verzaubern, solange man einen halbwegs brauchbaren Schirm und ein warmes Licht in Aussicht hat.

Die Brücke
bleibt

Wenn ich an England denke, sehe ich nicht nur Sehenswürdigkeiten. Ich erinnere mich an Licht auf Wasser, an die Schwere alter Steine, an das Stimmengewirr in Camden und an Augenblicke, die gleichzeitig groß und vollkommen alltäglich waren.

Vielleicht kehrt man deshalb zu manchen Orten zurück. Nicht, weil dort alle Antworten warten. Sondern weil sie die richtigen Fragen in uns wachhalten. England ist für mich ein solcher Ort: zwischen Nebel und Gold, zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen königlicher Haltung und einem ausgesprochen eigenwilligen Sinn für Humor.

Und irgendwo über der Themse liegt immer eine Brücke.

Dave, Der Kartenleger
Persönlich erzählt von

Dave · Der Kartenleger

England ist für mich Inspiration, Sehnsuchtsort und eine lebendige Bildwelt. Seine Mischung aus Mystik, Geschichte und Humor begleitet auch meine Arbeit mit den Karten.

Meine ganze Geschichte lesen

Deine Gedanken

Welcher Ort trägt
für dich ein Geheimnis?

Erzähl mir im Kartenkreis von deinem Sehnsuchtsort – oder entdecke, wie Bilder, Orte und Symbole in den 22 großen Tarotkarten weiterleben.

Im Gästebuch erzählenZur Tarot-Wissenswelt